Artikel in den Nürnberger Nachrichten 27.11.2007 von Ulrich Rach

Essen auf Reisen

Umstrittenes Küchensystem in Bezirkskliniken

 

Das Essen für die Patienten des Bezirkskrankenhauses Ansbach soll demnächst im 70 Kilometer entfernten Klinikum am Europakanal in Erlangen zubereitet werden. Die Grünen im Bezirkstag sind strikt gegen eine solche Lösung, die sie ökologisch, ökonomisch und politisch für untragbar halten. Heftiger Streit bahnt sich an.

ANSBACH - Dass die Verantwortlichen beim Bezirk Mittelfranken grundsätzlich über die Zukunft ihrer Klinikküchen nachdenken, hat damit zu tun, dass zumindest zwei dieser Einrichtungen nach Einschätzung von Fachleuten massiv sanierungsbedürftig sind. Werner Siemon, Vorstand des Kommunalunternehmens Bezirkskliniken Mittelfranken, konstatiert jedenfalls «erhebliche Probleme in Erlangen und in Ansbach». Das heißt aus seiner Sicht auch: großer Investitionsbedarf.

Allerdings werden derzeit Umbau, Ausbau und Neubau von Krankenhausküchen nicht mehr staatlich gefördert. Das führte nun dazu, dass die Fachleute im Kommunalunternehmen nach neuen Lösungen suchen, die wirtschaftlich und umweltfreundlich sein, gleichzeitig aber eine hohe Qualität des Essens für die Patienten garantieren sollen.

Das richtige Rezept gefunden?

Werner Siemon glaubt, das richtige Rezept gefunden zu haben: Es trägt den englischen Namen «Cook and Chill» und funktioniert so: Das Essen wird gekocht, allerdings nicht bis zum Ende gegart. Dann wird es heruntergekühlt, zwei bis drei Tage gelagert und anschließend «regeneriert».

Also nicht nur aufgewärmt, sondern regelrecht zu Ende gekocht. Im Fall der mittelfränkischen Bezirkskliniken ist demnach geplant, die Küche in Ansbach aufzulösen, die in Erlangen zu sanieren und dort das Essen für alle 656 Erlanger und die 607 Ansbacher Patienten zuzubereiten. Die Klinikküche in Engelthal (234 Betten) bleibt wahrscheinlich eigenständig erhalten.

In Erlangen und Ansbach soll jedenfalls die so genannte Regeneration dann auf den einzelnen Stationen der Krankenhäuser stattfinden. Aus Sicht von Vorstand Siemon bringt diese Lösung viele Vorteile.

Oft ist das Essen kalt

Bisher werden die Speisen in den beiden großen Bezirkskrankenhäusern in den bestehenden zentralen Küchen gekocht und dann auf die Zimmer gebracht, die über viele einzelne Häuser verteilt sind. «Bis das Essen dort ist, ist es oft ausgekühlt und sieht nicht mehr gut aus», so Siemon. Das soll nicht mehr passieren, wenn die Gerichte auf den Stationen fertiggemacht werden.

Und obwohl im Fall Ansbach das halbfertige Essen vor dem Verzehr 70 Kilometer weit transportiert werden muss, soll es stets «frisch und hygienisch einwandfrei» sein. Dass überdies die Energiebilanz trotz des täglichen 70-Kilometer-Transports «dramatisch günstiger ist als bisher», nämlich um bis zu 50 Prozent niedriger liegt, spricht nach Meinung von Siemon ebenfalls für das «Cook and Chill»-System.

Freiwilliger Fastentag?

Birgit Raab freilich, Bezirksrätin der Bündnisgrünen, kann diese Argumentation nicht nachvollziehen: «Für mich ist es nicht nachhaltig, Essen jeden Tag 70 Kilometer weit von Erlangen nach Ansbach zu karren.» Was wäre, fragt sie zum Beispiel, wenn im Winter wegen der Straßenverhältnisse der Lkw mit den Speisen liegen bleibt? «Sollen dann die Patienten und das Personal in Ansbach einen freiwilligen Fastentag einlegen?» Außerdem weist sie auf den «enormen Verpackungsmüll» durch «Cook and Chill» hin, glaubt nicht an die günstige Energiebilanz und kritisiert, dass bei dem geplanten System die regionalen Kreisläufe nicht berücksichtigt werden.

Raab geht sogar noch weiter: Sie meint, das Kommunalunternehmen lege, was den Investitionsbedarf der Küchen betrifft, «abenteuerliche Zahlen» vor, um das neue Verfahren durchzusetzen. Und sie stellt die Frage, ob diese Küchen nicht regelrecht «schlechtgeredet werden», um das «Cook-and-Chill»-Ziel zu erreichen.

Überdies befürchtet sie, dass mit der Auflösung der Ansbacher Krankenhausküche mindestens 27 Vollzeitkräfte eingespart werden müssen und sollen. Was Vorstand Siemon im Prinzip nicht bestreitet: Die Zahl der Stellen «wird sich verändern». Aber, versichert er, «jeder Mitarbeiter, der bei uns ist, behält seinen Arbeitsplatz.» An welchem Ort, das bleibt allerdings offen.

Ulrich Rach 27.11.2007